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Eurozentrismus und Postkoloniale Theorie

Der Kolonialismus hat die europäische Politik seit dem 15. Jahrhundert, also für mehr als ein halbes Jahrtausend, geprägt. Verbunden mit dieser Politik ist die Vorstellung, Europa bilde die Spitze der Entwicklung der Menschheit und sei folglich dazu bestimmt, die gesamte nichteuropäische Welt zu beherrschen und die Menschen auf der ganzen Welt auf europäisches Entwicklungsniveau zu heben. Der Umgang mit den Kolonien und den Kolonisierten unter den Vorzeichen des Eurozentrismus hat Europa selbst dabei so sehr geprägt, wie die Menschen in den Kolonien; und diese Verhältnisse wirken bis heute nach.

Diese Verbindungslinien aufzudecken und die Spuren des kolonialen Erbes offen zu legen, ist das Anliegen der Postkolonialen Theorie. Berühmte Vertreter_innen der Postkolonialen Theorie sind etwa Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak, Homi Bhaba, Dipesh Chakrabarty und Arjun Appadurai.

Was heißt Eurozentrismus?

Laut der Postkolonialen Theorie bildet ein Bündel von Grundannahmen, die man als Eurozentrismus bezeichnet, die ideologische Grundlage des europäischen Kolonialismus.

In den Sozialwissenschaften gibt es den Begriff des Ethnozentrismus. Grob gesagt ist damit gemeint, dass Menschen grundsätzlich dazu neigen, diejenige Gruppe, zu der sie sich rechnen, für die wichtigste zu halten und zu glauben, sie sei allen anderen Gruppen überlegen. Die Sicht auf die Welt erfolgt somit aus der Sicht der eigenen Gruppe. Fremdheit bedeutet zugleich, nicht Teil der eigenen Gruppe zu sein. Die Kategorien von eigen und fremd hängen also davon ab, welcher Zuschnitt für die Gruppe angenommen wird.

Eurozentrismus ist dabei eine besondere Form des Ethnozentrismus; deshalb besonders, weil sie dazu benutzt wurde – und wird – Herrschaft über weite Teile der Welt auszuüben.

Eurozentrismus in den Wissenschaften

Die Kernannahme des Eurozentrismus ist also die Überlegenheit des weißen europäischstämmigen Mannes. Besonders im 19. Jahrhundert kommen die Begriffe Fortschritt und Entwicklung in Mode. Grundgedanke dabei ist, dass sich die Menschheit überall auf der Welt in ein einheitliches Entwicklungsschema einordnen lasse: An der Spitze der Entwicklung stehe Europa, die außereuropäischen Regionen seien (noch) nicht so weit entwickelt, gleichsam rückständig oder, will man ein lateinisches Fremdwort benutzen, primitiv.

Die Biologie hat ebenfalls ihren Platz in dieser eurozentrischen Ideologie. Inspiriert von der Evolutionslehre Charles Darwins wird der sogenannte Sozialdarwinismus zur Leitideologie. Dieses theoretische Konzept stuft Menschen auch biologisch als weiter oder weniger weit entwickelt ein. Den weißen Europäer betrachtet man dabei als die Spitze der biologischen Entwicklung. Das ist die Geburtsstunde des Rassismus.

Eurozentrismus wird damit auch zum ideologischen Kern der europäischen Wissenschaften. So wird nicht nur die europäische Überlegenheit als wissenschaftliche Tatsache legitimiert, sondern das wissenschaftliche Arbeiten selbst wird zum Komplizen der europäischen Herrschaft über die Kolonien. Eurozentrismus ist damit nicht nur Herrschaftsideologie, sondern auch Herrschaftstechnik. Europa herrscht durch Eurozentrismus.

Diese besondere Form der Herrschaft durch Wissen(-schaft) bezeichnen postkoloniale Theoretiker_innen  als „epistemische Gewalt“ (der Begriff stammt von Gayatri Chakravorty Spivak). Epistemik ist ein Begriff aus der Philsophie und bezeichnet den Vorgang des Erkennens. Spivak meint damit, dass die Überlegenheit des europäischen weißen Mannes durch diese Wissenschaft immer wieder reproduziert wird, weil sie in den europäisch geprägten wissenschaftlichen Methoden so tief verwurzelt ist. Deshalb versteht sich die Postkoloniale Theorie auch besonders als Wissenschaftstheorie und betreibt eine Kritik wissenschaftlicher Methodik.

Beispielsweise ist es üblich zu sagen, die Kolonialzeit beginne im Jahre 1492, als Christoph Kolumbus den amerikanischen Kontinent „entdeckt“ habe. Diese Formulierung ist schon recht vordergründig unzutreffend. Kolumbus hat Amerika nicht „entdeckt“, sondern Amerika war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrtausenden von Menschen bewohnt. Die ersten Siedler_innen gegen Ende der letzten großen Eiszeit waren also die „Entdecker_innen“ Amerikas. Diese in der Geschichtswissenschaft nach wie vor benutzte Formulierung ist aber nicht folgenlos: In ihr schwingt mit, dass Amerika vor dem Eintreffen der Europäer_innen nicht relevant ist. Erst die Besiedlung durch Europäer_innen „erschließt Amerika für die menschliche Zivilisation“. Mit anderen Worten: Amerika gibt es erst wirklich, seit Europäer_innen davon wissen und darüber herrschen können. Eine solche Formulierung ist eurozentristisch.

Die oben angesprochenen rassistischen und sozialevolutionistisch orientierten Grundannahmen werden im 21. Jahrhundert nicht mehr so drastisch vertreten, aber Begriffe wie primitive Gesellschaften oder Entwicklungs- und Schwellenländer werden immer noch benutzt. Auch kann man Einschätzungen in Zeitungen lesen wie „der Islam“ hätte eben „die Moderne noch nicht mitgemacht“, in den islamischen Ländern lebe man „noch wie im Mittelalter“. In solchen Bildern leben die wissenschaftlichen und kolonialistischen Ideen des 19. Jahrhunderts weiter. So etwas aufzuspüren ist auch das selbsterklärte Ziel der Postkolonialen Theorie.

Das europäische und das koloniale Subjekt

Eine zentrale These der Postkolonialen Theorie ist es, dass Europa, wie es heute verstanden wird, genauso wie die ehemaligen Kolonien ein Produkt des Kolonialismus ist.

Postkoloniale Theoretiker_innen beziehen sich dabei oft auf Denkmodelle, die unter dem Schlagwort Poststrukturalismus bekannt sind. Damit sind die Thesen von (zumeist) französischen Philosoph_innen und Kulturhistoriker_innen aus dem 20. Jahrhundert gemeint. Wichtiger Vertreter_innen sind etwa Michel Foucault, Jaques Derrida oder Judith Butler. Gemeinsam ist dieser Denkrichtung, dass sie skeptisch gegenüber dem statischen Subjekt sind. Sie sind der Meinung, dass die Identität, also wer jemand ist, davon abhängt, wie gesprochen wird. Damit ist gemeint: Wer ich bin, hängt davon ab, welcher Gruppe ich mich zurechne, gegen wen ich bin und wen ich als anders bezeichne.

Übertragen auf Europa und die Kolonien heißt das: Europa gibt es deshalb als „Subjekt“, weil es die Kolonien gibt. Der Poststrukturalist Jaques Derrida nennt das das „konstitutive Außen“. Eine Gruppe entscheidet sich, wer nicht dazu gehört und dadurch dass sie das entscheidet, hat sie automatisch entschieden, wer Teil der Gruppe ist. Zu sagen: „das ist fremd“, heißt zugleich zu sagen: „das sind wir“.

Englischunterricht an englischen Schulen ist hierfür ein gutes Beispiel. Dieser wurde erst eingeführt, nachdem man zunächst in den britischen Kolonien englische Literatur als Schulfach eingeführt hatte. Erst die Überlegung, was man den Kolonisierten über englische Literatur beibringen müsse, um ihre „Entwicklung zu fördern“, führte zu der Festlegung eines Bildungskanons, also eines Pakets dessen, was man über England und seine Kultur lernen müsse. Erst später kam die Idee auf, dass auch englische Schülerinnen und Schüler das zu lernen hätten.

Der sogenannte „Vater“ der Postkolonialen Theorie, Edward Said, brachte 1979 seine berühmte Studie „Orientalismus“ heraus. In diesem Buch, das europäische Literatur über den „Orient“ untersucht, zeigt er auf, wie Europa sich den Orient „erfindet“. In der Gegenüberstellung von Okzident (also Europa) und Orient (im Grunde des Rest der Welt, außer Amerika) wird der „Orient“ als fremd und Europa als eigen gebildet und definiert. Bilder, Romane, Filme, gängige Klischees, Reiseberichte, politische Dossiers von Kolonialbeamten über den Orient sagen, so Said, mehr über Europa und seine Wünsche und Sehnsüchte aus als über den „Orient“.

„Orient“ steht dabei in Anführungszeichen; schon weil unklar ist, welche Bereiche der Welt er umfassen soll. In der Vorstellung von Europäer_innen, kann beinahe die ganze nichteuropäische Welt hierunter gefasst werden: weite Teile Afrikas, Westasiens, Indiens bis hin zu China. Im Grunde steht der „Orient“ als Chiffre für das Andere, das Nicht-Europäische. Edward Said versucht aber nicht die europäischen Vorstellungen über den Orient als „falsch“ zu entlarven. Es geht ihm vielmehr darum, die „Erfindung“ des Orients und die „Erfindung“ Europas als Seiten der gleichen Medaille darzustellen. Den „wahren Orient“ kann man damit genauso wenig finden wie das „wahre Europa“. Eigen und fremd gehören immer zusammen: Europa gibt es ohne seine Kolonien genauso wenig, wie die Kolonien ohne Europa. Ohne Okzident keinen Orient.

Postkoloniale Machtverhältnisse

Natürlich finden alle diese Prozesse innerhalb von ungleichen Machtverhältnissen statt. Europa hatte in diesem Streit um Identitäten (der Poststrukturalist Michael Foucault würde auch von Diskursen sprechen) zumeist das letzte Wort. Die Geschichte des Kolonialismus ist durchzogen von teils sehr blutigen militärischen Auseinandersetzungen, Massenmord bis hin zum Genozid.

Heute haben die europäischen Staaten, bis auf wenig bedeutsame Ausnahmen, keine Kolonien mehr. Und doch spricht man auch heute noch von europäische Herrschaft über weite Teile der Welt: über Handelsabkommen, wirtschaftliche Ungleichgewichte, Entwicklungshilferegime, aber auch militärische Interventionen. Blickt man auf postkoloniale Staaten, z.B. in Lateinamerika, Asien oder Afrika, dann merkt man schnell, dass die Befreiungskämpfe gegen die europäischen Besatzer in den nationalen Identitäten dieser Länder eine bedeutende Rolle spielen. Die Weltpolitik wird oft noch von Diskursen beherrscht, die den Kampf gegen globale Ungerechtigkeiten als Verlängerung antikolonialer Befreiungskämpfe deuten. Wie solche Diskurse funktionieren, wie damit Herrschaft ausgeübt und unterlaufen wird, ist ebenfalls ein Forschungsfeld Postkolonialer Theorie.

Fazit

Eine Kritik des Eurozentrismus zu üben und die Bedingungen der Bildung der kollektiven Identitäten Europas und der ehemaligen Kolonien zu untersuchen, ist also das Ziel der Postkolonialen Theorie. Dabei stößt man auf Herrschaftsverhältnisse (koloniale, rassistische, epistemische) und kann an Strategien zu ihrer Überwindung arbeiten. Man kann postkoloniale Diskurse aufspüren und erforschen, wie mit ihnen heute Politik gemacht wird. Das ist aus politischer Sicht der wichtigste Nutzen Postkolonialer Theorie.

Zum Weiterlesen:

Eurozentrismus und Postkoloniale Theorie (zur Einführung)

Conrad, Sebastian und Shalini Randeira: Geteilte Geschichten – Europa in einer postkolonialen Welt. In Jenseits des Eurozentrismus – Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. S. Conrad and S. Randeira, eds. Pp. 9-49. Frankfurt, New York: Campus, 2002

Do Mar Castro Varela, Maria und Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: Transcript, 2012

Ziai, Aram: Die Peripherie in den Sozialwissenschaften. In Politik und Peripherie. Eine politikwissenschaftliche Einführung. Atac, Ilker et al. eds. Pp. 24-38. Wien: Mandelbaum, 2011

Klassiker der Postkolonialen Theorie (Auswahl deutschsprachiger Titel)

Appadurai, Arjun: Geographie des Zorns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009 (2006)   

Bhabha, Homi: Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenburg, 2000

Said, Edward W.: Orientalismus. 2. Auflage, Frankfurt am Main: Fischer, 2009 (1978)

Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Wien: Turia + Kant, 2008 (1989)

Autor: Jonas Bens

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