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Trans* in der EU

Trans*Menschen empfinden sich einem anderen Geschlecht zugehörig als dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen. Der Stern * steht als Platzhalter für ein breites Spektrum von Selbstdefinitionen, wobei die geschlechtliche Identität weiblich, männlich sowie zwischen oder außerhalb dieser Kategorien sein kann. Darunter fallen  Selbstbeschreibungen wie transgender, transgeschlechtlich, transident, transsexuell, Transfrau, Transmann, genderqueer und andere. Trans*Menschen erleben das gesellschaftlich verankerte Zwei-Geschlechter-System oft als Quelle von Diskriminierung.  

Trans* und Medizin

Viele Trans*Menschen sind auf medizinische Behandlungen zur Angleichung ihres Köpers an ihre geschlechtliche Identität angewiesen. Es gibt auch Trans*Personen, die keine Körperveränderungen vornehmen. Die Medizin definiert Trans* als „Identitätsstörung“. International wehren sich Aktivist_innen gegen diese Pathologisierung (Krankheitszuschreibung). Sie geht einher mit der ärztlich-psychologischen Kontrolle über den Zugang zu medizinischen Behandlungen und zur rechtlichen Anerkennung des Vornamens und Geschlechts. Üblich ist z.B. der „Alltagstest“, bei dem Trans*Menschen ohne jede Körperveränderung und ohne entsprechend geänderte Personaldokumente das Leben im Identitätsgeschlecht unter ärztlicher Beobachtung „erproben“ sollen.

In Dänemark gibt es eine einzige zentrale Gender-Klinik, die über 60% der Antragsteller_innen ablehnt. Auch dort, wo mehrere Behandlungsoptionen zur Auswahl stehen, wie in Deutschland, sind hormonelle und operative Körperveränderungen i.d.R. nur nach psychiatrischer Diagnostik zugänglich. 2008 hatten laut einer europaweiten Befragung 80% der Trans*Personen keine Kostenzusage für Hormonbehandlungen oder Operationen erhalten. Langes Warten auf die Zulassung zu medizinischen Behandlungen und zur Änderung persönlicher Dokumente oder aber der Ausschluss von diesen Mitteln bedeutet für Trans*Menschen nicht nur Bevormundung und erhebliche Verminderung der Lebensqualität. Es setzt sie darüber hinaus verstärkt Diskriminierungen aus, etwa auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt oder auf Reisen, wenn sie Dokumente vorzeigen müssen, die nicht mit dem gelebten Geschlecht übereinstimmen.

 Trans* und Recht

Die meisten EU-Mitgliedstaaten haben gesetzliche Regelungen für die Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags (bis auf Irland, Luxemburg, Slowenien und Ungarn). Diese setzen jedoch psychiatrische Begutachtung voraus, bei der sich Trans*Personen „eindeutig“ männlich bzw. weiblich präsentieren müssen. Trans*Organisationen fordern Neuregelungen nach dem Vorbild des 2012 erlassenen argentinischen Gesetzes, nach dem jede Person das Recht auf Anerkennung ihrer geschlechtlichen Identität hat.

Alle europäischen Staaten bis auf Deutschland, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien und das Vereinigte Königreich verlangen geschlechtsangleichende Operationen und die Sterilisation als Voraussetzung für die Änderung des Geschlechtseintrags, manche schon für die Vornamensänderung (Dänemark, Italien). Das bundesdeutsche Transsexuellengesetz (TSG) regelt seit 1981 die Änderung des Vornamens und Personenstands von Trans*Personen, die sich dazu medizinisch-psychologischer Begutachtung unterziehen müssen. Für die Personenstandsänderung zwang das Gesetz ursprünglich ebenfalls zu Operationen und Sterilisation. Dies erklärte das Bundesverfassungsgericht 2011 als unvereinbar mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Mit derselben Begründung wurde in Österreich 2009 und in Schweden 2013 der Sterilisationszwang außer Kraft gesetzt. Viele EU-Staaten erzwingen außerdem die Scheidung einer bestehenden Ehe vor der Änderung des Geschlechtseintrags, um das Zustandekommen homosexueller Ehen zu verhindern. Ausnahmen sind Belgien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien und seit 2008 Deutschland, wiederum nach einer
Verfassungsklage gegen die entsprechende Vorschrift.  

Trans* und Asyl

Seit 2011 ist innerhalb der EU zwar Verfolgung aufgrund der Geschlechtsidentität als Asylgrund anerkannt (Richtlinie 2011/95/EU). Jedoch werden in der Praxis Asylsuchende, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität verfolgt werden, meist abgewiesen. Dies geschah 2012 unter anderem in Spanien, Schweden und Dänemark.

 Auf EU-Ebene liegen Empfehlungen an die Mitgliedstaaten vom Kommissar für Menschenrechte und vom Ministerkomitee des Europarates bezüglich der Rechte von Trans*Personen vor, die sich u.a. das Recht auf Schutz vor Gewalt, auf Privatsphäre, Familie und Gesundheit beziehen. Jedoch ist kein europäisches Land ein sicherer Ort für Trans*Personen, konstatiert Transgender Europe. Seit 2005 vernetzt TGEU europaweit Trans*Aktivist_innen und -Projekte und trägt ihre Anliegen und Forderungen in die europäische Politik.  

Zum Weiterlesen:

http://www.tgeu.org

http://www.transinterqueer.org

http://www.transrespect-transphobia.org

http://www.ilga-europe.org

http://www.pfc.org.uk/pdf/eurostudy.pdf

http://www.coe.int/t/commissioner/activities/Themes/LGBT/

http://fra.europa.eu/en/theme/lgbt

http://www.stp2012.info/old/de

 

Autor: Jannik Franzen

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